02 Partizipative Forschung fördert partizipative Entscheidungen beim Dickdarmkrebsscreening

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Zum Dickdarmkrebsscreening verschreiben die meisten Hausärztinnen und -ärzte in der Schweiz die Darmspiegelung; nur wenige offerieren als wirksame und weniger invasive Alternative den Test auf okkultes Blut im Stuhl. Werden die Ärztinnen und Ärzte jedoch in partizipativer Medizin geschult, bieten sie ihren Patientinnen und Patienten mehr Wahlmöglichkeiten, und verbessern so die Screeningrate für Dickdarmkrebs.

  • ​Porträt / Projektbeschrieb (abgeschlossenes Forschungsprojekt)

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    Die Studie setzte gemeinschaftsbezogene partizipative Methoden ein. Hausärztinnen und -ärzte, Fachärztinnen und -ärzte, Epidemiologen und Epidemiologinnen sowie Patientinnen und Patienten unterstützten die Planung und Durchführung der Massnahmen sowie die Auswertung der Ergebnisse. Hausärztinnen und -ärzte entwickelten und testeten eine Erhebungsmethodik, mit der sie bei 40 aufeinanderfolgenden Patientinnen und Patienten Daten zum Dickdarmkrebsscreening erhoben: Wurde bereits eine Screening Untersuchung durchgeführt (Darmspiegelung in den letzten zehn Jahren oder Test auf okkultes Blut im Stuhl in den letzten zwei Jahren)? Wurde bei dem Besuch über die Screening Untersuchung gesprochen? Welche Entscheidung wurde getroffen (Ablehnung der Screening Untersuchung oder Planung einer Screening Untersuchung)? Nach einer ersten Datenerhebung führten die Forschenden eine randomisierte kontrollierte Studie in einem praxisbezogenen ärztlichen Forschungsnetzwerk durch. Parallel dazu randomisierten die Forschenden zwölf ärztliche Qualitätszirkel, um die Intervention in der klinischen Routineversorgung umzusetzen und zu analysieren, ob diese zu einer Verbesserung der Behandlungsqualität führte.

  • Hintergrund / Ausgangslage

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    Das Risiko, an Dickdarmkrebs zu sterben, beträgt zwei Prozent. Obwohl dank Screening-Untersuchungen dieses Risiko halbiert werden kann, nehmen nur 40 Prozent der in Frage kommenden Personen an einem regelmässigen Dickdarmkrebsscreening teil. Klinische Richtlinien empfehlen alle zehn Jahre eine Darmspiegelung oder alle zwei Jahre einen Test auf okkultes Blut im Stuhl. Um die Screeningrate auf die empfohlenen 65 Prozent zu erhöhen, sollten die Hausärztinnen und -ärzte ihren Patientinnen und Patienten nicht (wie heute üblich) fast ausschliesslich die Darmspiegelung, sondern auch den weniger invasiven Test auf okkultes Blut im Stuhl anbieten. Studien zeigen nämlich, dass etwa die Hälfte der Patientinnen und Patienten sich für den Stuhltest entscheiden würden.

  • Ziele

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    Ziel war es, Hausärztinnen und -ärzte zu ermutigen, die Patientinnen und Patienten zwischen einer Darmspiegelung und einem Test auf okkultes Blut im Stuhl wählen zu lassen. Zu diesem Zweck entwickelten die Forschenden eine mehrphasige, datengestützte Intervention zur Schulung der Hausärztinnen und -ärzte in bewährten Verfahren und Leitlinien für die Dickdarmkrebsscreening sowie in der partizipative Entscheidungsfindung bei Screening-Gesprächen. Auf diese Weise sollte der Anteil der Tests auf okkultes Blut im Stuhl gegenüber Darmspiegelungen erhöht werden.

  • Resultate

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    91 von 120 Ärztinnen und Ärzte eines praxisbasierten Forschungsnetzes (71 Prozent) erhoben Daten zu 3’451 Patientinnen und Patienten. 45 Prozent dieser Patientinnen und Patienten waren auf Dickdarmkrebs getestet worden (41 Prozent Darmspiegelung, 4 Prozent Test auf okkultes Blut im Stuhl). Der Anteil der getesteten Patientinnen und Patienten und die Methode variierten stark zwischen den Ärztinnen und Ärzten. Die Ärztinnen und Ärzte besprachen die Screening Untersuchung mit 51 Prozent der in Frage kommenden Patientinnen und Patienten. Ärztinnen und Ärzte, die nur die Darmspiegelung anboten, hatten eine höhere Ablehnungsquote als solche, die beide Screening-Methoden offerierten. Von den 109 randomisierten Hausärztinnen und -ärzten sammelten 79 (64 Prozent) Daten zu 3’017 Patienteninnen und Patienten. Dank der mehrstufigen Intervention per Post stieg die Zahl der Hausärztinnen und -ärzte, die mindestens einen Test auf okkultes Blut im Stuhl verschrieben. Von den 120 eingeladenen Qualitätszirkeln beteiligten sich zwölf an der Intervention, und 63 Ärztinnen und Ärzte sammelten während zwölf Monaten Daten zu 2’114 Patientinnen und Patienten. Die mehrstufige Intervention in ärztlichen Qualitätszirkeln erhöhte die Screening-Raten bei der 12-Monats-Nachbeobachtung um 15 Prozent.

  • Bedeutung / Anwendung

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    Bedeutung der Resultate für die Forschung und Praxis

    ​ Setzt die Forschung vermehrt partizipative Methoden ein, so beteiligen sich die Hausärztinnen und -ärzte in der Schweiz an Massnahmen zur Qualitätsverbesserung, erheben Daten zu ihrem Verschreibungsverhalten und diskutieren diese mit ihren Kolleginnen und Kollegen. Die Umsetzung dieser erfolgreich getesteten Interventionen und Instrumente zur partizipativen Entscheidungsfindung dürften die Behandlungsunterschiede zwischen den Arztpraxen verringern und das Dickdarmkrebsscreening in der Schweiz auf das in den medizinischen Richtlinien festgelegte Mindestziel von 65 Prozent anheben.

  • Originaltitel

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    Shared decision making in colorectal cancer screening in primary care: a cluster randomized controlled trial